Traditionen und Zukünfte

Die Erziehungswissenschaft hat sich in den zurückliegenden gut einhundert Jahren zu einer bedeutenden wissenschaftlichen Disziplin mit einem festen Ort an den Universitäten entwickelt. Die Erziehungswissenschaft ist sowohl reaktiver wie initiierender Agent gesellschaftlicher Entwicklungen. Im Modus der Reaktion trägt sie Entwicklungen und Modernisierungen der Gesellschaft mit und sieht sich vielfältigen Erwartungen und strukturellen Rahmungen ausgesetzt, mit denen sie umzugehen und sich kritisch auseinander zu setzen hat. Im Modus des Initiierens regt sie gesellschaftliche Entwicklungen an, setzt selbst Rahmungen für weitere Festlegungen und definiert ebenfalls machtvolle Erwartungen. Anlässlich ihres fünfzigjährigen Bestehens wird sich die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) auf ihrem Kongress 2014 in Berlin mit den Traditionen sowie den Auf- und Umbrüchen der Erziehungswissenschaft und Pädagogik unter dem Thema »Traditionen und Zukünfte« auseinandersetzen.

Ziel des Kongresses ist es, die innovativen Potentiale der Erziehungswissenschaft wie die von der Erziehungswissenschaft auszubalancierenden Spannungsverhältnisse von Intentionen und Wirkungen, Anpassung und Widerstand sowie Reaktion und Antizipation zu identifizieren, um davon ausgehend zu diskutieren, welche Zukünfte die Erziehungswissenschaft (mit)gestalten will und kann. Forschende und Lehrende entwerfen diese Zukünfte nicht allein aus einer Gegenwart heraus, die sich als durchaus ambivalent präsentiert. Zukunftsentwürfe werden auch vor dem Hintergrund von Traditionen und Bildern des Gewordenen geformt. Die konstitutiven und variablen Spannungen zwischen Vergangenem und zukünftigen Entwicklungen in der erziehungswissenschaftlichen Forschung und Lehre wie auch von Erziehung und Bildung in pädagogischen Handlungsfeldern einschließlich ihrer Kontexte sollen bei diesem Kongress in den Blick genommen werden.

 

Traditionen

Der reflexive Umgang mit Erziehung und Bildung, die methodisch kontrollierte Hervorbringung und die professionelle Weitergabe pädagogischen Wissens, seine Systematisierung und Kritik wurden erst im 20. Jahrhundert Thema einer eigenständigen universitären Disziplin Erziehungswissenschaft. Unterschiedliche theoretische Traditionen, pädagogisch-praktische und politische Bezugssysteme, Erwartungen und Zuschreibungen begleiteten ihre langsame und immer wieder auch diskutable disziplinäre Konstitution.

Die Herausbildung der Erziehungswissenschaft als eigenständige Disziplin in Forschung und Lehre verlief keineswegs kontinuierlich. Ihre Entwicklung aus der Philosophie und der Prozess ihrer Etablierung an den Universitäten sind geprägt von vielfältigen Traditionen, von politischen Vereinnahmungen und Versuchen, sich vor solchen in eine scheinbare Neutralität von Wissenschaftlichkeit zu retten, aber auch von Abbrüchen und Umbrüchen. Irrwege und produktive Optionen charakterisieren die Geschichte der Erziehungswissenschaft sowie von Bildung und der Erziehung und sind begleitet von immer neuen Versuchen der Disziplin, ihren wissenschaftlichen Status und ihre gesellschaftliche Rolle zu bestimmen und auszufüllen. Bei der Aufgabe, Zukünfte zu entwerfen und zu begründen, wirken diese Prägungen und Festlegungen auf nicht immer explizierte Weise fort.
 

Zukünfte

Die Erziehungswissenschaft kann Zukunft mitgestalten. Eine doppelte Auseinandersetzung mit den Problemkonstruktionen, den gesellschaftlichen Erwartungen und den Erkenntnisstrategien der Gegenwart einerseits und der Historizität von Bildung, Erziehung und Forschungsarbeit andererseits erlauben es, begründete Prognosen abzugeben und Zukunftsentwürfe zu skizzieren. Je theoretisch klarer und empirisch überzeugender es ihr gelingt, die ökonomischen und gesellschaftlichen Kontexte von Bildung und Erziehung, Hilfe und Prävention zu bestimmen und zu problematisieren, desto nachhaltiger wird sie sich auch in Diskurse um die Gestaltung von Zukünften einbringen können. Nicht zuletzt der wieder zunehmende Rekurs auf erziehungswissenschaftliche Erkenntnisse für die Konturierung und Begründung von Bildungs- und Sozialpolitik, und so auch von Zukunftsszenarien, stellt eine der jüngsten Herausforderungen dar. Angesichts der Verschärfung sozialer Ungleichheit, der veränderten kommunikativen Umwelten, der Schattenseiten der Individualisierung und des problematischen Bezugs auf ein Gemeinsames, der Herausforderung des Umgangs mit knappen Ressourcen wie Umwelt und Zeit und der problematischen Neubestimmungen von Vorstellungen über Eingriffsmöglichkeiten in das, was einmal als das natürliche Leben fraglose Voraussetzung von Erziehung und Bildung schien, provoziert die Charakterisierung von »Bildung« als eine der zentralen sozialen Frage des 21. Jahrhunderts. Diese bildet gleichzeitig einen Versuch, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

Die Erziehungswissenschaft wird nicht mit einheitlichen Lösungen aufwarten können. Aber sie kann antizipativ Konzepte und vielleicht auch produktive Utopien entwerfen. Unterschiedliche Zukunftsentwürfe erfordern die Definition von Zielsetzungen und die Klärung von Interessen. Insofern Zukunft gestaltet werden kann, sieht die Erziehungswissenschaft sich herausgefordert, daran kritisch und produktiv mitzuwirken.

 

Traditionen und Zukünfte – Call for Papers

Das fünfzigjährige Bestehen der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft soll auf dem Berliner Kongress 2014 zum Anlass genommen werden, über das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, über Traditionen und Zukünfte, Auf- und Umbrüche in der Konsolidierung und Weiterentwicklung der erziehungswissenschaftlichen Disziplin und des Bildungs-, Sozial- und Erziehungswesens nachzudenken. Dieses Nach- und Neudenken wird in den Formaten Plenar– und Parallelvorträge, Symposien und Arbeitsgruppen sowie in den Themen– und Forschungsforen stattfinden. Direkte Bezüge zum Kongressthema sollen vor allem in Symposien und in Plenarvorträgen hergestellt werden. Die Symposien und die dort präsentierten Beiträge sollten sich aus erziehungswissenschaftlichen Perspektiven auf die folgenden thematischen Linien beziehen:

  • Das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Bildung und Erziehung im Hinblick auf ihre Erforschung und Reflexion unter historischen, kategorial-systematischen und praktischen Perspektiven.
  • Das Verhältnis von unterschiedlichen epistemologischen, methodologisch-methodischen und praktischen Traditionen und Programmen der Produktion, Verbreitung und Kommunikation ihres Wissens in Bezug auf die zukünftige Gestalt und zukünftige Aufgaben der Erziehungswissenschaft.
  • Gesellschaftliche, kulturelle und politische Herausforderungen für die zukünftige Gestaltung von Bildung und Erziehung, von Hilfe und Prävention und Konsequenzen daraus für zukünftiges pädagogisches Handeln.

Für diese thematischen Aspekte wie auch für die anderen Formate ist ein Proposal elektronisch einzureichen, in dem das Konzept kurz beschrieben wird, Angaben zu Referentinnen und Referenten sowie Arbeitstitel der Referate und einzelne Abstracts aufgeführt sind. Weil die Zahl der Veranstaltungen begrenzt ist, wählt die Programmkommission unter den eingegangenen Vorschlägen auf der Basis einer externen Begutachtung aus.

Für den Anmelde- und Einreichungsprozess wird das Konferenzverwaltungssystem ConfTool verwendet. Sie erreichen es über conftool.dgfe2014.de. Weitere Informationen zum Anmeldeprozess finden Sie auch hier auf unserer Homepage unter dem Stichwort Anmeldung.
Die Deadline für Einreichungen ist der 31. Januar 2013. [UPDATE 30.01.2013] Nach vielen diesbezügliche Anfragen haben wir uns entschlossen, die Einreichungsfrist bis Sonntagabend zu verlängern. Neue Beiträge können noch bis zum 3. Februar 2013 eingereicht werden, vorhandene Beiträge ebenso lange bearbeitet werden. Bitte haben Sie jedoch Verständnis dafür, dass wir Fragen, die nach Donnerstagnachmittag 17h eingehen, aller Voraussicht nach nicht mehr beantworten können. [UPDATE Ende] Bitte beachten Sie folgende Rahmenbedingungen bei Ihrer Planung folgender dreistündigen Veranstaltungstypen:

  1. Symposien finden am 10. und am 11. März 2014 statt. Die Symposien müssen einen Bezug zu dem Kongressthema haben und sollten maximal vier Vorträge beinhalten, von denen ein Vortrag von einer Nachwuchswissenschaftlerin oder einem Nachwuchswissenschaftler gehalten wird (als Nachwuchswissenschaftler gelten alle nicht habilitierten Kolleginnen und Kollegen, die keine Vollprofessur innehaben). Internationalität und Interdisziplinarität bei der Auswahl der Vortragenden sind erwünscht.
    Bitte reichen Sie für Ihre Vorschläge folgende Materialien ein: Ein gemeinsames Abstract (max. 4.000 Zeichen) und dessen Zusammenfassung für das Programm (max. 1.000 Zeichen) sowie Abstracts der Einzelbeiträge (jeweils max. 1.500 Zeichen).
  2. Arbeitsgruppen finden an allen drei Kongresstagen statt. Sie sind thematisch frei, jedoch ist ein Bezug zu dem Kongressthema erwünscht. Hier gibt es keine Regelungen für die Anzahl der Vorträge und die Auswahl der Referentinnen und Referenten. Es sollte jedoch darauf geachtet werden, das Programm nicht zu überfrachten und den wissenschaftlichen Nachwuchs zu beteiligen. Es können auch englischsprachige Arbeitsgruppen vorgeschlagen werden.
    Bitte reichen Sie für Ihre Vorschläge folgende Materialien ein: Ein gemeinsames Abstract (max. 4.000 Zeichen) und dessen Zusammenfassung für das Programm (max. 1.000 Zeichen) sowie Abstracts der Einzelbeiträge (jeweils max. 1.500 Zeichen).
  3. Themenforen finden parallel zu den Arbeitsgruppen am 12. März statt. Hier besteht die Möglichkeit, Einzelbeiträge mit einem klaren Bezug zum Kongressthema vorzuschlagen. Dafür sind ein Abstract (max. 1.500 Zeichen) und eine Minimalzusammenfassung (max. 300 Zeichen) einzureichen.
  4. Forschungsforen dauern zweieinhalb Stunden und sind in ihrer Gestaltung inhaltlich völlig freigestellt. Sie sollen nationalen wie auch internationalen Forschungsprojekten oder -verbünden sowie Nachwuchs- bzw. Doktorandengruppen eine Möglichkeit des fachlichen Austauschs bieten. Bitte reichen Sie für Ihre Vorschläge ein gemeinsames Abstract (max. 4.000 Zeichen) und dessen Zusammenfassung für das Programm (max. 1.000 Zeichen) ein.

Alle Angaben zu Maximalzeichenzahlen verstehen sich inklusive Leerzeichen. Mit einer Benachrichtigung über die Annahme oder Ablehnung der Anträge für die unterschiedlichen Formate ist im Spätsommer 2013 zu rechnen.

Bitte beachten Sie auch den Call for Posters.

Download: Call for Papers als PDF-Datei