Der ‚Untergang’ des Geistes, der ‚Aufstieg’ der Evidenz. Wissensgeschichtliche Überlegung zur Vergangenheit und Zukunft der Erziehungswissenschaft

Rita Casale
Universität Wuppertal

 

Im Fokus des Vortrags soll die Zukunft der Erziehungswissenschaft als Universitätsdisziplin stehen. Den Ausgangspunkt der Analyse bildet der Versuch, die Gegenwart der Disziplin in ihren unterschiedlichen Ausrichtungen zu erörtern. Die unterschiedlichen Stimmen sollen in ihrem spezifischen Beitrag zur Gesamtkonstellation der Disziplin betrachtet werden. Die Erörterung wird in erster Instanz wissensgeschichtlich und nur in zweiter wissenssoziologisch sein. Der geschichtliche Blick soll dazu dienen, die Entwicklung des gegenwärtig hegemonialen Selbstverständnisses der Disziplin als empirisch basierter Wissensform, die berufsbezogen und an eine breite Öffentlichkeit gerichtet ist, in ihrer wissensgeschichtlichen Logik sowie wissenssoziologischen Positionierung zu begreifen. Dass die spezifische Adressierung der Erziehungswissenschaft als berufsorientierte Wissenschaft die Dominanz eines wissenschaftlichen Paradigmas nicht allein erklärt, kann an der Geschichte der Akademisierung der Pädagogik gezeigt werden, die von Beginn an der Professionalisierung der Lehrerbildung gekoppelt war. Das war Anfang des 20. Jahrhunderts kein Hindernis für den Aufstieg der geisteswissenschaftlichen Pädagogik. Er ist epistemologisch nur im Kontext der Bedeutung, welche die Geisteswissenschaften innerhalb einer philosophisch begründeten Idee des Wissens hatten, zu erläutern. Soziologisch war diese Idee getragen von denjenigen, die damit akademisch sozialisiert wurden. Der ‚Untergang’ des Geistes ist in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg sicher politisch und soziologisch zu interpretieren. Aber er bezeichnet auch die Krise der kategorialen synthetischen Begründung des Wissens, die zu einer neuen Form von Verallgemeinerung führte, für welche die geschichtliche Tradierung von Prozessen zweitrangig wurde. Die sozialwissenschaftliche Wende der Erziehungswissenschaft ‚demokratisierte’ das Allgemeine und stellte insofern zweifellos einen Fortschritt hinsichtlich der Teilnahme an wissenschaftlicher Produktion und an ihrer Transparenz dar. Für die Soziologisierung des Allgemeinen zahlt die Erziehungswissenschaft aber mit dem Verlust einer Form von Abstraktion, welche die so genannte mittlere Reichweite überschreitet. Der aktuelle ‚Aufstieg’ der Evidenz in empirisch basierten Forschungen führt eine weitere Erosion des Allgemeinen herbei. Die Zukunft der Disziplin gehört der Erörterung solcher Transformationen mit Berücksichtigung ihrer ambivalenten Dynamiken.