Zukünfte der Kinder in den Blick nehmen – zur Zukunft der empirischen Bildungsforschung

Kai S. Cortina
University of Michigan

 

In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist die empirische Bildungsforschung in den Verdacht geraten, ein auf punktuelle Schulleistungen verengtes Verständnis von Bildungsprozessen zu haben, mit der Folge, dass sie auch Schule als gesellschaftliche Institution funktional misrepräsentiert. Basierend auf Analysen jüngerer Längsschnittstudien wird die These entfaltet, dass sich die empirische Bildungsforschung stärker an der Forschung zum Lebensverlauf (life-span research) orientieren muss, wenn sie die Bedeutung von schulischen Bildungsprozessen für einen erfolgreichen Übergang in die Erwachsenenwelt verstehen will. Denn die akademischen Leistungen prägen nur in begrenztem Umfang die für berufliche Karrieren wichtigen Weichenstellungen. Das auf Schulbildung gemünzte Verständnis des meritokratischen Prinzips, wonach sozialer Aufstieg und berufliches Prestige primär denjenigen zusteht, die sich in der Schule anstrengen und erfolgreich sind, erweist sich in der biografischen Perspektive als erstaunlich brüchig. Nicht nur für den außerberuflichen Bereich, so die hier vertretene These, sind breiter angelegte Theorien der Identitätsentwicklung deutlich besser geeignet, Bildungsverläufe abzubilden, als der zur Zeit so populäre Kompetenzansatz. Letzterer hat insbesondere Schwierigkeiten, die biografischen Verläufe von jungen Frauen zu erklären, deren bildungsbiografischen Entscheidungen z.B. durch ihre Interessenschwerpunkte deutlich besser vorherzusagen sind als durch Schulleistungen. In ähnlicher Weise ergeben sich abweichende Karrieremuster bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Nur durch die Integration von persönlichen Motivationskonstellationen und individuellen Lebensentwürfen in den Forschungsansatz wird die Bildungsforschung mittelfristig in der Lage sein, unser Verständnis von Schule und schulischen Bildungsprozessen substantiell zu erweitern und handlungsrelevantes Wissen zu produzieren. Im Zuge dieses Prozesses, so die Vorhersage, wird es zu einer Annäherung mit dem eher traditionellen, normativ-geprägten Verständnis von Schule kommen, das die Pädagogik als Disziplin seit jeher bestimmt hat. Der emanzipatorische Gedanke, der dem pädagogischen Verständnis von Bildung immanent ist, wird vermutlich auch zur Abkehr vom deutlich neopositivistisch geprägten Wissenschaftsverständnis in der zeitgenössischen Bildungsforschung führen.