Universität als Gegenstand der Erziehungswissenschaft.
Analysen zu historischen, aktuellen und zukünftigen Entwicklungen der deutschen Universität

Carola Groppe
Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg

 

Der Vortrag geht von der Beobachtung aus, dass die Universität bisher kein zentrales Feld erziehungswissenschaftlicher Forschung ist. Dies ist angesichts rapide steigender Studierendenzahlen und der zunehmenden Akademisierung der jüngeren Alterskohorten erstaunlich, denn damit ist bisher ein wichtiger Teil des deutschen Bildungssystems nicht im Fokus der Erziehungswissenschaft. Der Vortrag geht daher der Frage nach, warum die Universität und die sich ausdifferenzierende Hochschullandschaft als Teil des Bildungssystems kaum zum Gegenstand der erziehungswissenschaftlichen Forschung geworden sind und plädiert für eine zukünftige umfassende erziehungswissenschaftliche Erforschung der Hochschulen.

Dazu werden die historische Positionierung der Erziehungswissenschaft im Wissenschaftsfeld und die damit verbundene Genese ihrer Gegenstände und Fragestellungen analysiert. Parallel werden die Universität und die Hochschulen in den Zusammenhang bildungssystemischer historischer Entwicklungen gestellt und aus den bisherigen Forschungsergebnissen der Bildungsgeschichte ein erziehungswissenschaftlicher Fragerahmen für die Erforschung der Hochschulen entwickelt. Das inzwischen interdisziplinär angewendete Theorem der Pfadabhängigkeit wird genutzt, um historische Entwicklungen des Hochschulsystems zu erklären und zukünftige Entwicklungslinien thesenartig skizzieren zu können. Dabei geht es nicht nur um quantitative Veränderungen und Strukturentwicklungen, sondern auch um die Bedeutung des Universitätsbesuchs im Lebensverlauf immer größerer Teile der jüngeren Alterskohorten und die daraus sich ergebenden Rückwirkungen auf die Hochschulen.

Insbesondere wird hier die Frage erörtert, welche historische Entwicklung das Deutungsmuster „Bildung durch Wissenschaft“ als institutionelles Identitätsangebot, interne Handlungsorientierung und Strukturmoment der Interaktionen zwischen den Akteursgruppen durchlief und welche Funktion ihm heute und zukünftig in einer hoch ausdifferenzierten Hochschullandschaft zukommt. Vor diesem Hintergrund wird die Universität auch als Sozialisationsraum, Arbeitskontext und (Aus-)Bildungsort unterschiedlicher Alterskohorten und Statusgruppen in den Blick genommen. Epochale Schwerpunkte des Vortrags sind das 20. und 21. Jahrhundert.