Institutioneller Wandel und Pfadabhängigkeit.
Der Beitrag des Historischen Institutionalismus zur Analyse von Reformprozessen in Schulsystemen

Rita Nikolai
Humboldt-Universität zu Berlin

 

Schulpolitische Reformprozesse vollziehen sich in einem starken Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Diskontinuität. Einerseits werden Reformen durch Beharrungskräfte historisch gewachsener institutioneller Arrangements im Schulsystem erschwert. Andererseits können Entwicklungen in der Umwelt eines Schulsystems einen derart starken Veränderungsdruck erzeugen, dass schulpolitische Entscheidungsträger institutionelle Veränderungen vornehmen müssen. In der Schulforschung hat bislang vor allem der soziologische Neoinstitutionalismus Anwendung gefunden, weniger berücksichtigt wurden in der Analyse der Veränderungen von Schulsystemen bislang jedoch Konzepte der Pfadabhängigkeit und des institutionellen Wandels wie sie im Historischen Institutionalismus Anwendung finden. Basierend auf Forschungsergebnisse eines aktuellen Forschungsprojektes zu den schulstrukturellen Reformprozessen in den ostdeutschen Bundesländern in den Jahren 1990 und 1991 zeigt der Vortrag, welche gewinnbringende Analyseinstrumente die historisch-institutionalistische Perspektive anbietet.

Nach jahrzehntelangem Festhalten am dreigliedrigen Schulsystem ist mit der Wiedervereinigung Bewegung in die Schulstrukturdebatte gekommen. Einige der neuen Bundesländer (Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen) übernahmen zwar die Logik eines gegliederten Schulwesens, jedoch nicht das westdeutsche dreigliedrige Modell, und führten ein zweigliedriges Sekundarschulwesen ein, bestehend aus Gymnasium sowie zusammengelegten Haupt- und Realschulen. Dagegen bestritten Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zunächst andere Wege in der Reform ihres Schulwesens. Die Vielfalt der Schulstrukturmodelle zu Beginn der 1990er Jahre lassen sich in den fünf ostdeutschen Bundesländern mit einem Zusammenspiel von funktionalen, utilitaristischen, machtbasierten und legitimationsbasierten Mechanismen verstehen, bei dem sowohl stabilisierende Mechanismen als auch Triebkräfte des institutionellen Wandels wirkten. Trotz aller institutionellen Veränderungen lassen sich dabei Kontinuitäten zum DDR-Schulsystem nachweisen. Der Vortrag diskutiert die institutionellen Beharrungskräfte und Mechanismen des Wandels im Sekundarschulwesen in den ostdeutschen Bundesländern und erläutert, wie historisch gewachsene institutionelle Konfigurationen über einen längeren Zeitraum fortwirken und warum die ostdeutschen Bundesländer jeweils einen bestimmten Entwicklungspfad verfolgten.