Wissensbezogene Vermittlungs- und adressatenbezogene Erziehungskommunikation: Konstellationen pädagogischer Kommunikation in der Öffentlichkeit der Schulklasse

Matthias Proske
Universität zu Köln

 

Dass sich Unterricht als institutionalisierte Formbildung des Pädagogischen auf der Basis verschiedener Kommunikationsgattungen konstituiert, ist der pädagogischen Tradition durchaus vertraut. „Erziehender Unterricht“ bezeichnet hier eine wiederkehrend genutzte Reflexionsformel, mit der das Verhältnis zwischen der Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten einerseits und der erzieherischen Einwirkung auf unterrichtsnahe wie überschulische Verhaltensbereitschaften und Überzeugungen von Schüler_innen andererseits beschreibbar gehalten wurde. In aktuellen Konzeptualisierungen und Studien zu Unterricht und Lehrerhandeln spielt der Bezug auf Erziehung theoretisch und empirisch jedoch nur (noch) eine marginale Rolle. Während die empirische Bildungsforschung Unterricht vornehmlich als wissensbezogenes Instruktionsgeschehen fasst und Erziehung entweder als mitlaufendes, aus Anspruch und Gestalt des Unterrichts resultierendes Phänomen der Motivierung und Disziplinierung fasst oder unter dem Begriff Klassenführung nur indirekt thematisiert, steht Erziehung in der ethnographischen Unterrichtsforschung mit ihrem Fokus auf Schülerpraktiken und Peerkultur weitgehend außerhalb des Erkenntnisinteresses. Erziehung verstanden als pädagogisch rechtfertigungsbedürftige Beeinflussungs- und Einwirkungsoperation scheint insgesamt an den Rand der Disziplin gerückt zu sein.

Vor diesem Hintergrund soll auf der Basis neuerer Untersuchungen zur kommunikativen Ordnung des Unterrichts gezeigt werden, in welchen Konstellationen sich wissensbezogene Vermittlung und adressatenbezogene Erziehung als differente Gattungen pädagogischer Kommunikation rekonstruieren lassen. Ein besonderes Augenmerk richtet der Vortrag auf die Rolle der (Klassen- und Schul-) Öffentlichkeit in diesen Konstellationen. Unter Bedingungen öffentlichen Unterrichts scheint ein zentrales Konstitutionsmerkmal von Erziehung darin zu bestehen, dass individuelle Adressierungen von Schüler_innen regelmäßig funktionalisiert werden für die kollektive und generalisierte Adressierung aller. Aus dieser Perspektive betrachtet würde Erziehungskommunikation mit ihrer Einwirkungsabsicht vor allem auf die wiederkehrende und dauerhafte Beobachtung durch die (Klassen- und Schul-) Öffentlichkeit setzen.