Alles nur eine Frage der Zeit?!
Überlegungen zu einer temporaltheoretischen Charakterisierung von Bildung

Sabine Schmidt-Lauff
Technische Universität Chemnitz

 

Kaum etwas scheint näher zu liegen, als die beiden Kernbegriffe des Kongresses ‚Traditionen’ und ‚Zukünfte’ zeitlich zu fassen und einer temporalen Auslegung zu unterziehen. Umso mehr als im Ankündigungstext zeitliche Modalitäten nur implizit erwähnt werden: Wo es z.B. um „langsame und keineswegs kontinuierliche disziplinäre Konstitutierung“ geht, um Auslegungen zur „Historizität“ der Erziehungswissenschaft, um Spannungsfelder zwischen Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft oder um „Utopien“ als Entwürfe für die Zukunft. Lediglich als problematische Frage nach dem Umgang mit der scheinbar knappen „Ressource“ taucht Zeit explizit auf.

Dabei gefällt mir der Gedanke, wonach die „Charakterisierung von Bildung“ eine der zentralen sozialen Fragen des 21. Jahrhunderts sein wird. Warum also nicht die formulierten Herausforderungen wie Problemstellungen über zeittheoretische Implikationen fassen? Bereits Reinhart Koselleck verwies darauf, dass Vergangenheit und Zukunft lediglich anthropogen gewendete Modalitäten subjektiven Seins zwischen Erfahrung und Erwartung sind. Zeit ist unmittelbar verwoben mit unserer Existenz und unserem Erleben. Zeitliche Phänomene, Selbstverhältnisse zu Zeit und die Evidenz, mit der sie Spuren hinterlässt, formieren ihren überaus komplexen, widersprüchlichen und ambivalenten „Gesellschaftscharakter“ (Garhammer) und machen sie gerade deshalb für die Pädagogik so interessant.

Bildung ist Ereignis in der Zeit und zugleich charaktergebende Gestalterin von Zeit. Zeit ist nicht nur bedingender Faktor für pädagogische Prozesse, sondern wir verhalten uns im Lernen und durch Erziehung zu ihr in besonderer Art und Weise. Umso überraschender ist die Marginalisierung zeitlicher Modalitäten bei zugleich oberflächlich-ubiquitärer Verwendung temporaler Semantiken. Die Bezüge und Interpretationen von Zeit und Bildung sowie letztlich eine bildungs- und erziehungswissenschaftliche Temporaltheorie der Pädagogik stehen noch aus. Dabei laden beinahe alle bildungswissenschaftlichen Arbeiten und Theoriestränge zu zeitbezogenen Ausdeutungen ein. Unzählbar viele Einzelbeobachtungen, Ansätze und singuläre Positionen – meist teildisziplinär und unverbunden – bieten eine Fülle an disziplinübergreifenden Anschlüssen: über Zeitdimensionen von Bildung und Lernen, zu Bildungs- und Lernzeitkulturen einer Gesellschaft, über differente Zeitlogiken im Lehr-Lern-Geschehen, (didaktisierte) Zeitstrukturen und -abläufe, als bildungsbiographische Zeiträume über die Lebensspanne usw.. Aus dieser Fülle einige Gedanken und Grundüberlegungen zu ‚Zeit und Bildung’ zu entwickeln, ist Ziel des Beitrags.