Kindheitsforschung als interdisziplinäres Projekt.
Traditionslinien und aktuelle Herausforderungen

Anja Tervooren
Universität Duisburg-Essen

 

Nachdem Kindheit als eigenständige Lebensphase konturiert worden war und sich die Pädagogik als Wissenschaft auch an den Universitäten zu etablieren begann, konnten sich die Kinderwissenschaften allmählich als interdisziplinäres Projekt konstituieren. In diesem entwickelten Pädagogik, Anthropologie, Soziologie und vor allem Psychologie teilweise gemeinsame und teilweise unterschiedliche Perspektiven auf Kindheit. Heute haben sich einige dieser Perspektiven ausdifferenziert, andere sind in den Hintergrund getreten. Um auf die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen reagieren zu können, sollte Kindheitsforschung jedoch das Zusammenspiel unterschiedlicher Traditionslinien wieder stärker in den Fokus rücken.

In einem ersten Schritt werden die historischen Entwicklungen der Kindheitsforschung bis zu ihrer Etablierung zu Ende 20. Jahrhunderts in ihren disziplinären, systematischen und methodischen Zugängen aufgezeigt. Dabei werden sowohl die Breite der beteiligten Disziplinen und deren Beiträge beleuchtet als auch die Konsolidierung einer sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung analysiert. Letztere wird auch als internationaler Forschungszugang genauer betrachtet und vor allem die Gründungsfigur des Kindes als Akteur und die damit verbundenen, häufig qualitativen Forschungsdesigns einer Analyse unterzogen.

Seit der Jahrtausendwende haben sich aber einschneidende Veränderungen in der gesellschaftlichen Konstruktion von Kindheiten vollzogen, welche in einem zweiten Schritt betrachtet werden. Die Allgegenwärtigkeit eines Bildungsdiskurses bereits in der frühen Kindheit, der funktionalistische Verengungen mit sich führt, die Vorverlagerung des Schulanfangs, eine Ausstreuung von Diagnostik nicht allein rund um die Einschulung, die Ausdehnung eines Förderdiskurses und stärkere familienpolitische Interventionen und anderes mehr haben das Bild von Kindern und von Kindheit tiefgreifend verändert.

In einem dritten Schritt wird deshalb erstens für die Rückgewinnung eines breiteren Bildungsbegriffs in der Kindheitsforschung plädiert und damit die Notwendigkeit markiert, verstärkt Perspektiven der Allgemeinen Pädagogik in der Kindheitsforschung wie auch umgekehrt Perspektiven der Kindheitsforschung in der Allgemeinen Pädagogik zu implementieren. Eine besondere Bedeutung kommt dabei einer pädagogischen Anthropologie zu, welche die Leiblichkeit des Menschen und seine grundlegende Abhängigkeit vom anderen thematisiert. Zweitens wird vorgeschlagen, erneut die Interdisziplinarität der Kindheitsforschung in den Vordergrund zu stellen, um aktuellen Engführungen im Bildungsdiskurs entgegen zu wirken.